[ PORTRÄTS ]

Parfümeurin // Frankreich

Foto – Sylvie Jourdet – das Kleid aus Wein

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Begegnung mit Sylvie Jourdet

„Mein Freund hat neulich im Restaurant einen sehr fruchtigen, süßen und frischen Weißwein ausgewählt. Ich probierte ihn und fand ihn ausgesprochen fröhlich, ein Wein nach seinem Ebenbild“.

Sylvie Jourdet, die Gründerin des Hauses Créassence und Präsidentin der Société Française des Parfumeurs, arbeitet täglich in ihrem Labor, um das passende Aroma für eine bestimmte Situation ausfindig zu machen. Vielleicht teilen Wein und Parfum mehr als nur die gleichen olfaktorischen Begriffe?

Porträtserie bekannter oder weniger bekannter Weinliebhaber; Sie sind Künstler, Schriftsteller, Abenteurer, Köche, Sommeliers, Konditoren, ... und erzählen uns von ihrer innigen Beziehung zum Wein.
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Sie sind eine Pionierin unter den unabhängigen Parfümeuren, warum haben Sie diese Richtung gewählt?

SYLVIE JOURDET

Mich hat die Arbeit im Labor schon immer gereizt. Erst habe ich Pharmazie studiert und wollte mich der Formulierung von Kosmetika zu widmen, aber dann habe ich meine Leidenschaft für Lebensmittelaromen und Parfüm entdeckt! Ich habe in einem großen Labor für Parfümkreationen angefangen, aber es wurde frustrierend, das Parfüm nicht selbst herstellen zu können. Deshalb habe ich mein eigenes Labor eröffnet, um junge Marken bei ihren Kreationen und bei den Geschichten zu begleiten, die sie anhand des Parfums erzählen wollen. Bei Duftarmbändern haben wir zum Beispiel an unbeschwerte Erinnerungen gedacht, wie gebräunte Haut am Meer oder eine Siesta im Wald. Dann stelle ich mir die olfaktorischen Formen vor, die ich mit Rohstoffen und Formeln verwirkliche.

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Einige Ihrer Projekte haben ja sogar mit Wein und Spirituosen zu tun ...

SYLVIE JOURDET

Ja richtig, ich habe ein Parfum für eine Cognac-Firma hergestellt, um die Geruchs- und Geschmacksmarker der firmeneigenen Spirituosen wiederzugeben. Das war ziemlich amüsant, denn bis dato hatte ich noch nie wirklich Cognac probiert. Auf einen Streich lernte ich dann den ganzen Reichtum an holzigen Düften und frischen Noten kennen. Meine Eindrücke kleidete ich ganz spontan in Worte, die sich mit denen des Kellermeisters deckten. Cognac und Parfüm verbindet auch die Sorgfalt, die auf die Flasche bzw. den Flakon gelegt wird. Ich habe auch an Kerzen mit Weinaromen und an Illustrationen gearbeitet, um die Weine olfaktorisch über ihre Moleküle zu definieren und so das Zusammenspiel zu erleichtern.

Foto - Sylvie Jourdet in ihrem Labor.
Illustration citation

Parfüm will getragen werden, Wein will verkostet werden.

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Wie hat die Erfahrung der durch das Coronavirus ausgelösten Anosmie unsere Beziehung zu Düften verändert?

SYLVIE JOURDET

Der Verlust und das Wiedererlangen des Geruchssinns haben den Leuten gezeigt, dass sie einen Geruchssinn haben, der viel zur Lebensfreude beiträgt! Beim Morgenkaffee haben viele festgestellt, dass sie nichts mehr riechen und nur noch das Gefühl hatten, heißes Wasser zu trinken! Deshalb haben sie sich intensiver mit ihrem Geruchssinn auseinandergesetzt und dabei die Freude festgestellt, die mit Geruchswahrnehmungen einhergeht.

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Beim Wein hat die Nase eben diese Vorrangstellung ...

SYLVIE JOURDET

Parfum will getragen werden, Wein will verkostet werden! Mich hat die unterschiedliche Wahrnehmung zwischen Nase und Gaumen schon immer überrascht und amüsiert. Während der Verkostung spürt die Nase Moleküle auf, die sich verflüchtigen und auf den Geruchssinn treffen. Wenn sie im Mund erwärmt werden, setzen sie weitere Duftfacetten frei. Wir haben es hier mit einem taktilen Phänomen zu tun, mit Dicke, Fließen, Frische, Fett, Wärme, Herbheit der Tannine. Beim Riechen von Wein oder Parfüm wollen die Leute oft analysieren, was drin steckt. Aber das Wichtigste ist wohl, das uns das, was wir riechen, gefällt. Ich genieße lieber, als dass ich analysiere, ich verrenke mir nicht gerne das Gehirn!

Photo de Sylvie Jourdet - arômes du vin

Mich hat die unterschiedliche Wahrnehmung zwischen Nase und Gaumen schon immer überrascht und amüsiert.

Foto - Sylvie Jourdet - die Aromen des Weins
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Dann mal raus mit der Sprache, welche Weine trinken Sie am liebsten?

SYLVIE JOURDET

Ich bin immer neugierig, neue Weine zu entdecken, aber ich habe eine Vorliebe für Weißwein, weil ich hier eine breitere Palette als bei Rotweinen wahrnehme, die von Säure, Frische und Frucht bis zur Süße reicht. Ich liebe auch Champagner mit seinen Perlen, die ein taktiles Gefühl vermitteln, das die Geschmacksknospen zum Leben erweckt und je nach Feinheit der Perlen unterschiedliche Empfindungen hervorruft. Außerdem ist Wein wie Parfüm: Anstatt über die Rohstoffe zu sprechen, wird eine Geschichte erzählt, werden das Terroir und die Menschen lebendig, die Arbeit, die dahintersteckt. Wein ist nicht belanglos, er ist kein Konsumgut wie der Joghurt im Kühlschrank! Eine russische Freundin hat gerade mit der Weinbereitung begonnen und uns ihren allersten Jahrgang vorgestellt: einen Rotwein aus den Cevennen, der einfach und interessant zugleich ist, vor allem aber ist es spannend, dieser jungen Frau dabei zuzusehen, wie sie sich ihren Lebenstraum erfüllt.

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Sie lassen sich also gerne von der Geschichte eines Weins verführen?

SYLVIE JOURDET

Ich liebe es, Weine zu entdecken, aber ich mag es noch lieber, wenn jemand sie für mich auswählt! Dann finde ich im Wein die Persönlichkeit der Person wieder, die den Wein ausgewählt hat. Mein Freund hat neulich im Restaurant einen sehr fruchtigen, süßen und frischen Weißwein ausgewählt. Ich probierte ihn und fand ihn ausgesprochen fröhlich, ein Wein nach seinem Ebenbild. Wenn ich eine Flasche zu einem Abendessen mitbringe, dann frage ich mich auch nicht, was es zu essen gibt, sondern vielmehr, wer da sein wird und ob das Essen eher förmlich, gesellig oder familiär sein wird. Wein ist letztlich genauso persönlich wie Parfüm.

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Wie steht es mit Ihrem Weingeschmack?

SYLVIE JOURDET

Ich bin da ziemlich offen, alles hängt von meiner Stimmung oder dem Augenblick ab, so wie es eben auch Parfums gibt, die man jeden Tag trägt, und andere eher für ein galantes Abendessen. Für mich ist Wein ein Genuss, kein täglich Brot! In Sauternes-Weinen steckt für mich eine echte Komplexität und Fülle, die zum Aperitif ebenso wie zum Käse passen. Ich habe schon einmal nur ein Glas Sauternes zum Dessert bestellt, weil der so schön abrundet. Er ist sich selbst genug, wenn ich also ein passendes Gericht finden müsste, dann eher eins, das ihn unterstützt, statt umgekehrt.

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